Tektonik und Karbonatplattform-Entwicklung im Gabes-Tripoli-Becken, Libyen
Das Kernanliegen dieses Forschungsvorschlags ist die Analyse der känozoischen Entwicklung tektonischer Strukturen und Karbonatplattformen im Gabes-Tripoli-Becken im Seebereich vor Libyen. Das Untersuchungsgebiet beinhaltet zahlreiche große Erdöl- und Erdgasfelder, die für Libyen von größter wirtschaftlicher Bedeutung sind.
Trotz der Relevanz des Untersuchungsgebietes sind derzeit etliche grundlegende geowissenschaftliche Zusammenhänge in diesem Gebiet noch nicht erforscht. Dieses betrifft unter anderem die folgenden Aspekte: (i) die regionale tektonische Entwicklung des Gabes-Tripoli-Beckens von der späten Kreidezeit bis heute, und den Einfluss tektonischer Veränderungen auf die Entwicklung sedimentärer Ablagerungsräume; (ii) die Bedeutung triassischer Salzvorkommen für tektonische Prozesse und die Entstehung von Fallenstrukturen für Kohlenwasserstoffe; (iii) die Ausprägung von Karbonatplattformen im Paläogen und Neogen; und (iv) die Wechselwirkung von Tektonik und Sedimentation, die die Reservoirentwicklung (Ablagerung, Diagenese, strukturelle Überprägung, Fallenintegrität) kontrolliert.
Die vorgeschlagenen Arbeiten konzentrieren sich auf die Analyse eines großen, hochmodernen dreidimensionalen Untergrunddatensatzes (circa 1800 Quadratkilometer abgedeckt durch dreidimensionale seismische Reflexionsdaten; geophysikalische Messungen aus 13 Industriebohrungen). An diesen Daten sollen folgende, teils kontroverse Hypothesen getestet werden: (1) Triassisches Salz im tieferen Untergrund des Gabes-Tripoli-Beckens war entscheidend für die strukturelle Entwicklung vor der Küste Libyens. Die Salzschichten bildeten eine Abscherfläche, über der in der Kreidezeit vom Grundgebirge entkoppelte Faltenbildung erfolgte. Eozäne, nummulitische Karbonatplattformen, welche als Speichergestein für Kohlenwasserstoffe dienen, bildeten sich bevorzugt über Sattelstrukturen mit Salzkern. (2) Faltung, Bruchtektonik, Karbonatsedimentation und die Bildung von Kohlenwasserstofffallen im Gabes-Tripoli-Becken wurden nicht entscheidend durch das Vorkommen von Salz im geologischen Unterbau beeinflusst. (3) Die West-Ost Ausrichtung der wichtigsten Sattelstrukturen steht schräg zur dominanten nordwestlich-südöstlichen Ausrichtung der Hauptstörungssysteme. Die Faltung und das bevorzugte Wachstum von Karbonatplattformen auf Antiklinalen erfolgte vor der Entstehung dieser Störungssysteme. (4) Diagenetische Veränderungen (beispielsweise Dolomitisierung; Korrosion durch salzhaltige Lösungen) innerhalb des Hauptreservoirs können durch dreidimensionale seismische Attributanalyse identifiziert werden. (5) Neogene Karbonatplattformen im Gabes-Tripoli-Becken unterscheiden sich von ihren paläogenen Vorgängern in Aufbau, Größe, Typ und Verteilung. (6) Post-sedimentäre Tektonik und differentielle Auflast beeinflussten die Reservoirentwicklung. Gebiete, die stark durch Neogene bis rezente Tektonik deformiert wurden, enthalten keine Kohlenwasserstofflagerstätten.
Ein finaler, wichtiger Aspekt des Forschungsvorschlages ist das Erarbeiten von grundlegendem geologischem Wissen in einem von der Fachliteratur vernachlässigtem Arbeitsgebiet, in dem aus politischen Gründen derzeit kaum Forschungsarbeiten stattfinden können.
Finanzierung: DFG Projekt 417476001 (english only)